Hallo liebe Freunde!
Heute ist es ein Jahr her, dass ich ins Gasometer eingezogen bin und wieder scheint sich alles zu verändern. Meine Mitbewohner ziehen alle aus, wobei ich ehrlich sagen muss, dass es um die beiden Mädls nicht schade ist. Aber Niko geht und damit auch Maria, seine Freundin, meine vierte Mitbewohnerin, sozusagen. Ich darf nicht klagen, ich gehe ja auch und unsere WG wird sich komplett neu zusammensetzen. Heute kam auch schon der Neue. Martin heißt er. Wahrscheinlich studiert er BWL oder Jura, scheint aber sympathisch zu sein. Jedenfalls ist unsere Wohnung gerade das reinste Chaos. Umzugskisten, alles fliegt rum und will sortiert werden. Ich sehe schon, dass ich wahrscheinlich im Juli alleine hier in der Wohnung sein werde. Ehrlich, ich bin nicht böse darum. Ich muss zwar arbeiten, aber hab dann auch mal entspannte drei Wochen für mich. Und Ruhe! Und dann werd ich mal gediegen die Wohnung so einrichten, wie ich es gerne hätte. Die ganzen Heavy Metal-Poster kommen ab und stattdessen die Beatles oder so! *g* Mal sehen, wird sich schon einrichten lassen. :)
Das Semesterende naht, morgen um 16 Uhr ist der ganze Spuk vorbei. Noch die letzten beiden Prüfungen, auf die ich leider wiedermal nur mäßig vorbereitet bin. Doch nach diesem Semester habe ich einfach keinen Elan mehr. Jeder Tag kommt mir wie Sonntag vor und ich kann mich nicht motivieren. Vier Prüfungen habe ich schon hinter mir, wobei ich sagen muss, ich hätte auch bessere Leistungen erzielen können. Aber was solls, die Noten zählen sowieso nicht in den Abschluss rein und solange alles positiv ist, mach ich mir keinen Streß. Ich will ja auch irgendwann mal fertig werden!
Gestern war ein sehr cooler Abend. Mein Dozent Johannes hatte zu einer Terrassenparty eingeladen. Ich wusste nicht recht, was ich davon halten sollte, denn die anderen Studis, die sonst immer am Start sind, hatten diesmal keine Einladung bekommen. Wie vermutet waren natürlich viele Professoren dort. Die meisten kenne ich nicht, denn wie wir alle wissen, interessiere ich mich für Neuere Literatur mittlerweile nicht mehr so und besuche daher nur ab und zu Lehrveranstaltungen aus dem Fachgebiet. So kams dann auch, dass ich nun die Hälfte der Professorenbelegschaft von der Germanistik der Uni Wien duze... So kanns gehen! ;)
Der Abend verlief wie immer. Feucht fröhlich, Austausch über Uni, Leben, Gott und die Welt. Natürlich sind mein Kollege Bernd und ich wiedermal die letzten gewesen. Wir halfen noch beim Aufräumen und Bernd meinte, er fahre mich noch zur Oper. Vor dem Haus angekommen habe ich dann sein Vehicle gesehen: ein Fahrrad mit Anhänger. "Setz dich einfach auf den Deckel drauf, ich führ dich zur Oper!" (Nein, kein Tippfehler, die Österreicher sagen für jemanden wohin fahren führen! Tatsache!) Ich also auf den Anhänger gehockt und Bernd fuhr los. Die Wiedner Hauptstraße hinaus bis zur Oper, vorbei an der Technischen Uni und über den Karlsplatz. Die Wiedner Hauptstraße ist am Tag eine der befahrensten Straßen in ganz Wien. Breit, mehrspurig und Straßenbahnschienen. Gott sei Dank waren um 3 Uhr morgens nur ein paar wenige Taxis unterwegs. Die Fahrer schüttelten den Kopf, als ich ihnen fröhlich zuwinkte. Ich hatte teilweise schon bammel, vor alllem weil es teilweise auch recht schnell voranging und ich auch Angst hatte in den Kurven vom Wagen zu purtzeln, da ich rückwärts drauf saß und so die Straßenführung nicht sehen konnte. Die meiste Zeit habe ich aber gelacht und Bernd hat es sichtlich auch Spaß gemacht.
Gestern abend ist mir etwas bewusst geworden. Ich lebe in Österreich. Ich lebe in Wien. Ich buchstabierte mir selbst dieses Land im Kopf: Ö-S-T-E-R-R-E-I-C-H und konnt es gar nicht fassen. In einem Land, für das ich mich früher kein bisschen interessierte und in einer Stadt, die ich vom ersten Besuch an gehasste hatte. Nun, alle werden nun sagen: Mädl, die lebst seit fast zwei Jahren dort und jetzt kommst du erst drauf? Aber manchmal, da braucht man eben etwas länger, dass einem Dinge bewusst werden, die eine den ganzen Tag umgeben. Es war das Bewusstwerden, dass ich im Ausland bin, dass ich nicht in Deutschland oder meinen geliebten Bayern lebe und vielleicht auch einfach hier bleiben werde, zumindest die nächsten Jahre. Ich werde nächstes Jahr, wenn alles gut geht, mit dem Studium fertig sein und was kommt dann? Was werde ich dann machen? Zurück nach Deutschland, sowie ich es von Anfang an geplant hatte? Aber wo soll ich hin? Was kann mir Deutschland bieten, was Wien nicht auch hat? Mein Bruder wird im Herbst nach Wien kommen, um hier zu studieren und als ich ihm sagte, dass wir wegen dem Auslandssemester in Kanada wahrscheinlich nur ein Semester zusammen hier verbringen würden, war er doch etwas enttäuscht. Ich glaube, er kommt auch ein kleines bisschen wegen mir nach Wien, abgesehen, dass Wien sowieso die beste Wahl für ihn und Verena ist. Und dann überlegte ich mir: warum eigentlich nicht bleiben? Warum nicht einfach hier einen Job finden, vielleicht nur eine dreiviertel Stelle und dann meinen Doktortitel hier machen? Warum nicht? Mittlerweile mag ich Wien oder sagen wir so: Wir kommen ganz gut miteinander aus. Da fällt mir eine Szene vom letzten Sommer ein. Ich arbeitete in den Ferien wieder in der Würzburger Residenz und es war toll! Ich habe die Zeit sehr genossen und vermiss meine Resi und die Kollegen. Doch an einem Wochenende besuchte ich Vroni Bauer in München und ich weiß nicht warum, aber ich freute mich, wieder U-Bahn zu fahren. Wieder mehr Bewegung und Beschleunigung im Leben zu haben, im Gegensatz zum doch sehr gemütlichen und langsamen fränkischen "Landleben". Ich denke ich sollte hier bleiben und nicht wieder die Beine in die Hand nehmen und rennen. Irgendwohin, nur nicht an Ort und Stelle beleiben und sich auf Dauer mit dem eigenen Leben auseinandersetzen. Seltsam, ein Jahr am Theater, dann zwei Jahre in Würzburg und nun zwei Jahre hier. Die letzten Mal drängte mich das Gefühl weggehen zu wollen und auch die Bewerbung für Kanada war eine Präventivmaßnahme die Zweijahresgrenze nicht zu überschreiten. Doch nun würd ich gern bleiben. Natürlich freue ich mich auf Montreal und stolziere wie ein Pfau durch die Gegend. Ich, die tolle Vroni, hat ein Stipendium für Kanada, für Montreal! Und ich freue mich auf Maria und auf die Stadt und aufs Einkaufen und auf die Uni und aufs Reisen. Aber ich freue mich auch jetzt schon wieder darauf, wieder nach Wien zurück zu kommen. Seltsam, nicht wahr?
Mittwoch, 1. Juli 2009
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